Nummer 4/2024
Wohlstand und Wohlfahrt als konservative Pflicht

Dantes philosophische Betrachtungen über Wohlstand, Wohlfahrt und Verteilungsgerechtigkeit.
Redaktionelle Einleitung:
Brasilien, das nach der Kolonialzeit im 19. Jahrhundert vorübergehend ein Kaiserreich war und sogar eine aus Österreich stammende Kaiserin hatte, zählt nicht nur zu den bevölkerungsreichsten und größten Ländern der Welt, sondern auch zu jenen, in denen die Schere zwischen arm und reich am höchsten ist. In der Stadt Rio de Janeiro mit rund 7 Millionen Einwohnern, fand kürzlich in ein gigantisches 'Gratis'-Konzert statt, für das (abgesehen von den immensen Kosten für das ganze drum herum) die Sängerin eine Gage von umgerechnet mehr als 3 Millionen Euro erhalten hat, während ein Arbeiter in diesem Land angeblich nicht mehr als ca. 200 Euro im Monat verdient. Deutlicher kann Ungleichverteilung kaum sein. (raf)

Ausgangspunkt meiner (Anm.: d.h. Bb Dantes) Betrachtungen ist die in einer Umfrage des ARC-Forums 2023 gestellte zentrale Frage: 'Welche Rolle kommt der Familie, der Gemeinschaft und der Nation bei der Schaffung der Voraussetzungen für Wohlstand zu?' Um diese Frage zu beantworten, muss zuallererst geklärt werden, was wir unter Wohlstand verstehen. Denn stellen die einen auf individuelle Bedürfnisbefriedigung ab, auf die Erfüllung von Träumen, Wünschen und Dingen des täglichen Lebens, gibt es auf der anderen Seite die Menschen, die Wohlstand eher im intellektuell-philosophischen Bereich verorten. Ich möchte hier einen Schritt zurückgehen und die Fundamente von Wohlstand kurz darstellen, um danach die sich daraus ergebenden sozialen, kulturellen und politischen Folgerungen ziehen.

'Wohlstand' wird nicht immer ausführlich diskutiert. Wenn darüber geredet wird, passiert dies meist im Sinne einer Vergleichsgröße für andere, wichtiger erscheinende Dinge. Es wird das Delta verglichen, das sich ergibt, wenn Ressourcen unterschiedlich verteilt sind. Seien es ökonomische (Geld, Güter, Freizeit), intellektuelle (Bildung, Wissen, Information) oder Macht (politische soziale, kulturelle). Zentrale Angelegenheiten unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens wie diese bestehen seit Menschengedenken. Nicht umsonst heißt es schon bei Aristoteles in der 'Politik' im übertragenen Sinn, dass überall dort, wo sich die (notwendige) ungleiche Verteilung innerhalb einer Gesellschaft nicht auf ein gewisses Normalmaß (im Sinne des 'goldenen Mittelmaßes') beschränkt, Unzufriedenheit oder Widerstände, eventuell sogar Revolutionen entstehen. Um dies zu verhindern, muss es ein Ausgleichssystem geben, das von der Gesamtgesellschaft im Idealfall angenommen, zumindest jedoch hingenommen wird; es handelt sich dabei um eine teilweise Umverteilung zwischen den 'Habenden' hin zu den 'Mittellosen', wie wir es beispielsweise aus unserem Sozialsystem kennen. Das wiederum nennt sich dann 'Wohlfahrt'.

Die beiden Kategorien hängen eng miteinander zusammen. Wenn dann Wohlfahrt das Hauptthema ist, nach dem erkenntnisleitend gefragt wird, ist notwendigerweise die wichtigste Vergleichskategorie die der 'Verteilung'. Und wer in diesem Sinn über Verteilung spricht, meint eigentlich 'Gerechtigkeit'. Dieses Fragen kann aber individuell anders gerichtet sein. Gerechtigkeit liegt erwiesenermaßen im Sinne des Betrachters, ist aber immer mit Erwartungshaltungen und Bedürfniserfüllung verbunden, die mit dem Wohlstand korrelieren. So sind also Wohlfahrt und Wohlstand eng miteinander verbunden. Und auch wenn die Wohlfahrt nicht Grundlage von Wohlstand ist, so gilt sie doch zumindest als moralische Pflicht zu dessen (gesamtgesellschaftlicher) Sicherung. Steffen Hentrich (heute FDP, damals bei der Friedrich-Naumann-Stiftung) hat auf einer Tagung vor einigen Jahren Wohlstand richtigerweise als 'das Resultat der schöpferischen Nutzung natürlicher Ressourcen' bezeichnet. (Tagung der Fondation CH2048, 2014) Um diese Nutzung zu ermöglichen benötigt man Zugang zu materiellen Gütern und Dienstleistungen, zu intellektuellen Ressourcen und Bildung; dies alles in Freiheit. Daher kann Wohlstand zwar in Diktaturen erworben, aber nicht auf Dauer gestellt werden, weil das System die Einzelnen nicht berücksichtigt in diesem Fall sind Revolution und Aufstand vorprogrammiert.

In derselben Weise ist gesellschaftlicher Fortschritt mit gleichzeitigem Wohlstandsaufbau ohne menschliche Kreativität und freiwilligen Austausch undenkbar. Das zeigt sich durch die gesamte Geschichte, speziell ab der industriellen Revolution, seit der sich die wirtschaftliche und gesellschaftliche Globalisierung beschleunigt und der Wohlstand der Menschheit einen ungekannten Schub erlebt hat. Dieser wurde von der damals einsetzenden Demokratisierung begleitet, wobei der Zusammenbruch des Kommunismus diese Entwicklung im letzten Jahrhundert noch einmal beschleunigt hat.

Klar ist: Wohlbefinden, Sicherheit, Unabhängigkeit und die Chance auf gesellschaftliche Teilhabe sind äußerst wichtig für den Aufbau eines prosperierenden Gemeinwesens und die Dauerhaftigkeit von Wohlstand. Voraussetzung dafür sind freiheitliche, liberale, rechtssichere Staaten wie z.B. die westlichen Demokratien. Hat es im Jahr 1973 nur 48 demokratische Staaten gegeben, sind es inzwischen bereits 76. (Statista 2023) Das bedeutet, in den letzten 50 Jahren hat sich die Idee der Demokratie weltweit gut weiterentwickelt, und dies trotz diverser Rückschläge durch Kriege, Umstürze und Katastrophen wie der Ukrainekrieg, die Corona-Pandemie und andere. Zeitgleich hat sich das mittlere globale BIP bzw. Pro-Kopf-Einkommen mehr als verzehnfacht, und auch viele andere Wohlstandsindikatoren haben laut aller Untersuchungen erfreuliche Verbesserungen erfahren. (World Development Report, Global Wealth Report, uva.) Trotzdem besteht auch heute noch weltweit eine Gleichzeitigkeit von Wohlstand und bitterer Armut, freiheitlichen Demokratien und repressiven Diktaturen. Dabei zeigt sich, dass Kreativität und freiwilliger, gegenseitig vorteilhafter Austausch zwei weitere Dinge erfordern: persönliche Handlungsfreiheit und beständige Behörden. Dem Menschen muss Rechtssicherheit geboten und das Eigentum geschützt werden. Zugelassen muss auch werden, dass man in fairen wirtschaftlichen Wettbewerb tritt.

Retour zur Eingangs gestellten Frage und ihrer praktischen Relevanz: Die Etablierung von Wohlstand muss auf eine 'revolutionär-konservative' Weise geschehen. Um den Wohlstand in einer Gesellschaft zu bewahren oder ihn zu fördern damit die Menschen davon profitieren können, müssen die politischen und sozialen Strukturen den jeweiligen Erfordernissen der Zeit angepasst, bzw. für heutige Begriffe 'revolutionär' (als friedliche Umwälzung verstanden und nicht im Sinne der marxistisch-leninistischen Revolution mit Waffen) gestaltet werden. Heute gilt es schon als revolutionär, wenn konservative Werte verfolgt, Gerechtigkeit und Leistung miteinander verknüpft oder die Kernfamilie gelebt werden. Konservativ sein heißt auch, an überzeitlichen Wahrheiten und Geboten (Menschenwürde, Nächstenliebe, Zehn Gebote, etc.) festzuhalten und diese zu verteidigen. Ein wichtiges politisches Signal muss daher sein, dass die Familie einen besonders hohen Stellenwert in der Gesellschaft hat. Sie ist die Keimzelle des Wohlstands.

Daneben muss die Gesellschaft so organisiert sein, dass der Einzelne oder kleinere Gruppen in Eigenverantwortung handeln können. Dies ohne Angst vor Repression oder Bevormundung durch eine staatliche Patronanz. Der Staat muss daher das Prinzip der Subsidiarität fördern. Dies bedeutet, dass das, was ein Einzelner oder eine kleine Gruppe tun kann, von dem Einzelnen oder der kleinen Gruppe getan werden soll. Erst wenn die Kräfte der kleinen Einheit nicht mehr ausreichen, soll die große Gemeinschaft helfen. In diesem Zusammenhang ist auch die Leistung sehr wichtig. Sie ist ein natürlicher Teil der persönlichen Entwicklung und der Kreativität. Leistung wird in den unterschiedlichsten Zusammenhängen erbracht: in der Familie, in Ausbildung und Beruf, im Geschäfts- und Berufsleben, in Vereinen, im Ehrenamt. Die Bereitschaft des Einzelnen, Leistung zu erbringen und sich zu entwickeln, ermöglicht und erhöht die Gestaltungsfähigkeit der Gemeinschaft und damit auch den Wohlstand.

Nachhaltig umgesetzt muss schließlich auch die Wohlfahrt Einzug ins Gesamtbild halten. Mit ihr wird die Solidarität erzeugt, die nötig ist, den Wohlstand zu sichern, den die Einzelnen als Leistungsträger für sich und das Gemeinwesen erwirtschaften. Wohlstand ist ein konservativer Wert, der im Sinne einer demokratischen, freien und liberal-subsidiären Gesellschaft von eigenverantwortlich handelnden Leistungsträgern aufgebaut und mittels Wohlfahrt umwälzend ('revolvierend') gerecht gesichert wird.
Text und Bild: TEW Ph-xxx Dante

Aus der Verbandszeitschrift 'COULEUR', Ausgabe 2/23
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zuletzt geändert: 16.05.2024 um 19.58 Uhr