Nummer 9/2023
Leopoldi-Tag

Das Haus Österreich war einst eine Weltmacht. Doch was hat das mit dem Babenberger Leopold und mit unseren Veranstaltungen zu tun?

Ende des 11., Anfang des 12. Jahrhunderts war Leopold III. aus dem Hause der Babenberger Markgraf von Ostarrichi. Er gründete das Stift Klosterneuburg, an jenem Ort, an dem der Legende nach der vom Wind verwehte Schleier seiner Braut Agnes, einer Tochter von König Heinrich IV., wiedergefunden wurde. Im Jahr 1485 also während der Regierungszeit von Kaiser Friedrich III. aus dem Hause Habsburg wurde er heiliggesprochen und er ist der Landespatron von Österreich. In Wien und Niederösterreich verdanken ihm viele Generationen von Schülern und Landesbeamten einen schul- bzw. arbeitsfreien Landesfeiertag. Und was hat das mit der österreichischen Weltmacht zu tun?

E.v. K.Ö.L. Leopoldina, welche nicht nach dem babenbergischen Markgrafen, sondern nach dem habsburgischen Kaiser Leopold I. (umgangssprachlich auch unter dem Spitznamen 'Türkenpoldl' bekannt) benannt ist, führt den Wahlspruch 'A.E.I.O.U. Austria erit in orbe ultima!' Das bedeutet 'Österreich wird bestehen bis ans Ende der Welt' und ist eine von vielen Deutungsmöglichkeiten der von Kaiser Friedrich III. vielfach zur Kennzeichnung von Gebäuden, Kunstwerken, Büchern und Gebrauchsgegenständen verwendeten Vokalreihe, deren Bedeutung Historikern bis heute Rätsel aufgibt. Eine andere Interpretation lautet 'Alles Erdreich ist Oesterreich untertan'. Friedrich III. war zwar Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, seine größte Ausdehnung erfuhr das Weltreich der Habsburger aber erst unter seinen Nachfolgern. Sein Sohn Maximilian I. wurde durch Heirat auch zum Herzog von Burgund und dessen Sohn Philipp I. wurde durch seine Vermählung zum König von Kastilien und Leon. Dessen Sohn Karl wurde in der Folge nicht nur der erste König Spaniens sondern auch als Karl V. zum römisch-deutschen Kaiser gewählt und durch die spanischen Übersee-Besitzungen in Südamerika zum Herrscher in dessen Reich die Sonne nie untergeht. Und Südamerika spielte auch viel später nochmals eine Rolle in der Geschichte der Habsburger.


Am 15.11.2023 hielt Bb Rovere (Lp) einen äußerst interessanten Vortrag zum Thema 'Der Kaiser von Brasilien', in dem er uns die historischen Verknüpfungen zwischen Österreich und Brasilien erläuterte, bei denen eine Tochter von Kaiser Franz I. von Österreich eine wesentliche Rolle spielte. Und so kam es zufällig dazu, dass bei uns am Leopoldi-Tag ein Leopolde von einer Leopoldine erzählte. Wie wir erfuhren, war das portugiesische Königshaus mit dem gesamten Hofstaat wegen der Napoleonischen Kriege in die portugiesische Kolonie Brasilien geflohen und hatte die kleine Stadt Rio de Janeiro zu einer Metropole im europäischen Stil ausbauen lassen. Als eine Gemahlin für den Prinzregenten Dom Pedro gesucht wurde kam Leopoldine von Österreich ins Spiel. Sie wurde 1817 als knapp 20-jährige mit dem ihr völlig unbekannten Mann verheiratet und musste eine mehrere Monate dauernde Schiffsreise in ihre neue Heimat Brasilien antreten, auf der sie von den Teilnehmern der Österreichischen Brasilien-Expedition *) begleitet wurde.

Die Ehe soll anfangs relativ gut gewesen sein und die im Gegensatz zu ihrem Gatten hervorragend ausgebildete Habsburgerin übernahm ähnlich wie ihre Urgroßmutter Maria Theresia den Großteil der Regierungsgeschäfte. Als die portugiesische Königsfamilie nach Lissabon zurückkehrte überzeugte Leopoldine ihren Mann Dom Pedro davon in Brasilien ein Kaiserreich auszurufen, um auf diesem Weg die Unabhängigkeit vom Mutterland zu erreichen. Dadurch wurde die Aufteilung des Landes verhindert. Während die spanischen Kolonien in eine Vielzahl von kleinen und mittleren Staaten aufgeteilt wurden, nimmt Brasilien unverändert etwa die Hälfte des Südamerikanischen Kontinents ein und ist damit fast so groß wie ganz Europa. Dennoch war der Ehe von Leopoldine kein langes Glück beschieden. Ihr Mann rächte sich für ihre Überlegenheit mit Gewalt und Demütigungen. Er behandelte eine seiner Mätressen öffentlich wie eine zweite Kaiserin und wollte sogar deren Sohn als Thronfolger einsetzen. Darüber kam es zu einem heftigen Streit bei dem er seine schwangere Frau vermutlich so schwer misshandelte, dass sie eine Fehlgeburt erlitt und nur wenige Tage danach mit 29 Jahren verstarb.


Das brasilianische Volk wusste jedoch die Bedeutung von Leopoldine zu schätzen. Als in der Folge Kaiser Pedro I. mit seiner Mätresse und deren Sohn das Land verlassen musste, wurde der minderjährige Sohn Leopoldines als Pedro II. sein Nachfolger. Der Großvater Kaiser Franz I. lernte ihn zwar nie persönlich kennen, aber er kümmerte sich um ihn, indem er ihm die besten Diplomaten als 'Ersatzgroßväter' zur Seite stellte. Während der Regentschaft von Pedro II. unternahm Erzherzog Ferdinand Max 1859 als Oberkommandant der österreichischen Marine eine Reise nach Brasilien (Anm.: bei der ihm Wilhelm von Tegetthoff an Bord von S.M. Raddampfer Elisabeth als sein Adjudant begleitete). Möglicherweise haben ihm seine Eindrücke einer funktionierenden Monarchie in der Neuen Welt dazu ermutigt die Kaiserkrone von Mexiko anzunehmen, was leider wie bekannt tragisch endete. Kaiser Maximilian von Mexiko wurde im Unterschied zu Pedro II. nicht im Land seiner Regentschaft geboren und deshalb von der Bevölkerung als Besatzer angesehen und von Revolutionären hingerichtet.

Soweit ein kurzer und keineswegs vollständiger Auszug dessen, was Kb bzw. Bb Rovere fundiert und eloquent vorgetragen hat. Seine Ausführungen untermalte er mit einer Präsentation von Bildern der von ihm erwähnten Ereignisse und mit Stammbäumen, welche die Verflechtungen der Habsburger sowie der Coburger (deren Familie in Wien das sogenannte 'Spargelpalais', welches auf den Resten der ehemaligen Bastei steht, errichten ließ) mit anderen europäischen Herrscherhäusern zu veranschaulichen half. Der Besuch dieses wissenschaftlichen Abends war zwar nicht übermäßig gut, aber im Vergleich zu den Veranstaltungen zu Beginn des Semesters doch zufriedenstellend, obwohl Carolina auch diesmal wieder nur durch Doppelmitglieder vertreten war. Für die Anwesenden hat sich der Besuch des fesselnden Vortrags von Bb Rovere den die meisten auch aufgrund der von ihm initiierten Beiträge zu der Fernsehreihe 'Erbe Österreich' und/oder als Fachautor kennen jedenfalls gelohnt und wir hoffen ihn in Zukunft wieder für ähnliche Veranstaltungen gewinnen zu können.
Text und Bilder: DDr.cer. Raffael

*) Bei der Österreichischen Brasilien-Expedition von 1817, als deren Mitglied der Präparator und Zoologe Johann Natterer 18 Jahre lang in Brasilien blieb und forschte, wurden zahlreiche Tiere und Objekte gesammelt, welche heute die größte Brasiliensammlung außerhalb des Ursprungskontinents darstellen und in verschiedenen Wiener Museen zu besichtigen sind.
Kontakt für allfällige Rückmeldungen:
blech-bote@aon.at

zuletzt geändert: 19.11.2023 um 22.27 Uhr